Ray Bradbury: Fahrenheit 451 
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In der von Ray Bradbury 1953 geschriebenen Anti-Utopie Fahrenheit 451 geht es um einen Feuerwehrmann namens Montag, der in nicht all zu entfernter Zeit Bcher verbrennt anstatt Feuer zu lschen. Guy Montag wird jedoch nach einem Gesprch mit einer jungen Frau namens Clarisse mit dieser Arbeit und seinem Leben immer unzufriedener und beginnt, selbst verbotenerweise Bcher zu lesen. Er kapselt sich dadurch immer mehr von der Staatsdoktrin ab, bis er schlielich nach der Zerstrung seines Besitzes die Flucht antreten muss  gerade rechtzeitig, bevor seine Stadt in der Atombombe untergeht. 
Zum Verstndnis der Verbindung von Zeitgeschichte, Autor und Werk ist sicherlich auch eine kurze biografische Notiz zum Autor ntig: Ray Bradbury wurde am 22. August 1920 in Waukegan im amerikanischen Bundesstaat Illinois geboren. Er wurde schon frh durch Comic-strips beeinflusst und begann bereits mit 15 Jahren, erste Geschichten zu schreiben. Sein eigentliches Hauptwerk The Martian Chronicles (Die Mars-Chroniken, 1950) und auch Fahrenheit 451 zeugen von seiner schriftstellerischen Ausrichtung auf das Genre der Science-fiction, die allerdings einen Schwerpunkt auf die Beschreibung einer zum Untergang verurteilen Welt legt. 
Wie man sieht, schrieb Bradbury seine zwei bekanntesten Werke wenige Jahre nach dem II. Weltkrieg, und es ist offensichtlich, dass man auch hier suchen muss, wenn man den zeitgeschichtlichen Zusammenhang zum Roman begreifen will: 
Die Bcherverbrennungen, die durch den Hauptdarsteller Guy Montag und seine Feuerwehr, deren Aufgabe wie Definition gendert wurde, ausgefhrt werden, stehen ganz offenbar im geschichtlichen Verhltnis zu den Bcherverbrennungen im Dritten Reich, wobei im Roman die Systematik dieser Tat noch gesteigert dargestellt wird. 
Die zweite wichtige geschichtliche Anspielung ist die Atombombe, die auf die beiden Abwrfe ber Hiroshima und Nagasaki im Sptsommer des Jahres 1945 verweist. Bradbury tuscht sich allerdings  zusammen mit vielen seiner Schriftstellerkollegen  in der Anwendungsbereitschaft dieser Waffe. Er spricht nmlich von zwei bereits vor dem Zeitrahmen des Romans gefhrten Atomkriegen, welcher durch den dritten am Ende des Buches wieder aufgenommen wird. Dies zeigt die tiefe Angst und Beklemmung der Autoren der spten 40-er und der 50-er-Jahre in Bezug auf die Anwendung der gefhrlichsten Waffe zu dieser Zeit. 

Neben diesen eindeutig geschichtsbezogenen Themenbereichen kritisiert Bradbury auch die voranschreitende Entmenschlichung und Entmoralisierung der Welt. Er tut dies zwar nicht in elementaren Bereichen seines Romans, sondern vielmehr in den Details. 
Der mechanische Hund als Sinnbild einerseits der fortschreitenden Technisierung, andererseits der Blutrnstigkeit, der Brutalitt des Menschen stellt eine besondere Stufe der Perversion der Umwelt des Menschen dar. Die aufkommende Nutzung von Robotern in der Industrie drfte aber vermutlich auch hier zeitgeschichtlich Pate gespielt haben. Daneben lsst sich sicherlich auch fr den mechanischen Hund eine Entsprechung in den bestialischen Todesmaschinen in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches finden. 
An den Beispielen der Bcherverbrennung, der Atombombe und des mechanischen Hundes wird offensichtlich, dass Fahrenheit 451 zumindest teilweise eine Reaktion auf die Vorkommnisse des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges ist. 

Ein weiteres Detail ist das Fernsehzimmer, in dem Mildred, die Ehefrau von Guy Montag, viele Stunden des Tages verbringt. Drei der vier Wnde dieses Zimmer sind praktisch Videownde, die den Zuseher in der Mitte des Raumes noch strker das Geschehen miterleben lassen. Hier wird die Konzentration der Menschen auf das Fernsehen in einer fr damalige Verhltnisse sicherlich bertriebenen Art und Weise dargestellt, selbst interaktives Fernsehen wird fr mglich gehalten (S. 29). Auch wenn interaktives Fernsehen auch fr uns noch Zukunftsmusik ist, ist es dennoch, auch aufgrund des Aufkommens des Internets, weitaus denkbarer als in den 50er-Jahren. Und die Dauerberieselung der Menschen durch Seifenopern hat in den letzten 47 Jahren noch zugenommen. Insofern hat die Wirklichkeit Bradburys Zukunftsszenario in diesem Punkt schon teilweise berholt. 

Dass in dem Staat, in dem der Roman spielt, die Moral nahezu abgeschafft ist, ist ein weiterer Kritikpunkt Bradburys und gut nachzuvollziehen an einer Stelle, an der Jugendliche ihn fast berfahren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.  Die Kritik an fehlender Moral ist auch hier wiederum von der Realitt fast berholt worden; nicht anders sind Hooliganismus, Polizistenmorde, Lehrermorde und andere Abscheulichkeiten aus jngster Zeit zu erklren. 

Neben diesen allgemeinen Beleuchtungen des Inhalts ergibt sich in der Stellenanalye ein weiterer Interpretationsansatz. Hier bietet sich die erste Heimkunft von Guy Montag im Laufe des Romans (S. 21  27) an, da sie gewissermaen das leider perfekte Beispiel fr die von Bradbury befrchtete Entmenschlichung des Menschen ist. Schon beim ersten Kennenlernen erhlt der Leser keinen guten Eindruck von Mildred Montag, seiner Frau: Seine Frau ... unbedeckt und kalt, wie die Gestalt auf dem Deckel eines Sarkophags, den Blick an feinen unsichtbaren Drhten starr an die Zimmerdecke geheftet, unbeweglich. Nicht tot, aber doch desinteressiert ist sie, weil sie nahezu stndig (Nacht fr Nacht, Es war in den letzten zwei Jahren kein einziges Mal vorgekommen, da Mildred sich des Nachts nicht in dieses Meer geworfen htte ...) Rundfunk hrt. Und bereits in dieser ihrer ersten Szene hat sich Mildred Montag mit Tabletten fast tdlich vergiftet (ganz nebenbei rasen mitten in der Nacht Dsenflugzeuge ber das Haus, der Krieg, der spter mittels Atombombe die Stadt auslschen wird, beginnt). Die Lebensrettung von Mildred durch zwei Mechaniker, die ihren Magen auspumpen und ihr Blut einfach auswechseln, stellt die menschenverachtende Wirklichkeit ebenso dar wie die Aussage des Mechanikers: Man mu sie doppelt auspumpen ... Den Magen auspumpen hat keinen Zweck, wenn man nicht auch das Blut reinigt. Lt man das Zeug im Blut, dann schlgt das Blut im Gehirn wie ein Hammer, peng, ein paar tausendmal, und das Gehirn gibt einfach auf, es macht nicht mehr mit. Man stelle sich die Situation vor, die Frau des Mannes, dem hier die notwendigen Handgriffe so drastisch beschrieben werden, befand sich in hchster Lebensgefahr ! Auch der kurz darauf folgende Dialog zwischen Montag und einem der Mechaniker macht diese Problematik deutlich: Das macht fnfzig Dollar.  Zunchst mal, warum sagen Sie mir nicht, ob sie davonkommt ?  Natrlich kommt sie davon. Das ble Zeug haben wir alles hier in unserem Koffer, das kann ihr nichts mehr anhaben. Wie gesagt, man holt das Alte heraus und tut das Neue hinein, und alles ist wieder in Ordnung.  Keiner von Ihnen ist Arzt. Warum hat man vom Spital nicht einen Arzt geschickt ?  Ach was ! ... Neun oder zehn Flle kriegen wir jede Nacht. Die Geldgier, die Gleichgltigkeit der Menschen, die Hufung von lebensgefhrlichen Situationen und die lapidare Art der Beschreibung medizinisch nicht einfacher Vorgnge finden in dieser kurzen Textpassage jeweils beeindruckende Entsprechungen. 

An dieser Stelle lsst sich auch sehr gut etwas feststellen, was sich durch den ganzen Roman zieht: Ray Bradbury schreibt in einem sehr bildhaften, metaphorischen und vergleichenden Stil. Zur Verdeutlichung sei hier eine kurze Passage aus der oben genannten Stelle erwhnt: Sie hatten da dieses Gert. Eigentlich zwei Gerte. Das eine kroch in den Magen des Menschen hinunter wie eine schwarze Kobra, die in einem hallenden Brunnenschacht nach all dem sucht, was sich dort an alten Wassern und alter Zeit angesammelt hat. Dieser Stil ist zwar nicht ganz leicht zu lesen, andererseits verdeutlicht er aber auch komplexere Sachverhalte durch Vergleiche oder Metaphern und zeigt gewisse Wertungen an, die Bradbury trifft, sofern man sie nicht schon aus dem Inhalt erkennen kann. 
Ein zweiter Punkt ist fast schon leichte Ironie: Bradbury verwendet recht hufig Anspielungen auf andere Bcher, also auf etwas, was in dem im Buch skizzierten Staat verboten ist. Ein schnes Beispiel ist ein Zitat aus Jonathan Swifts Gullivers Reisen: Schtzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als da sie sich bereit gefunden htten, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen. Auch in dieser Textstelle wird das politische Dilemma deutlich, in dem Guy Montag steckt: Einerseits will er sich seine Freiheit bewahren  wie die, die ihr Ei an der Seite aufschlagen wollen, wo sie es wollen -, andererseits kann man argumentieren, dass es eigentlich egal ist, wo man sein Ei aufschlgt und daraus den Schluss ziehen, dass Guy Montag das System gar nicht in Frage zu stellen braucht, da es ihm eigentlich sehr gut geht. Dieses Problem zieht sich durch den gesamten Roman und wird fr die Person von Guy Montag langsam vom einen Extrem  der Hrigkeit gegenber dem Staat  zum anderen  der vlligen Freiheit in der Gruppe Ausgestoener am Ende  entwickelt. 

Sicherlich hat im greren Zusammenhang des Romans auch die Interpretation der Personenkonstellation einen groen Stellenwert. Auch wenn es natrlich mehr Personen gibt als die, die ich nennen werde, kann man mit diesen den Groteil des Romans verstehen. 
Es gibt zwei offensichtlich gegenstzliche Personenpaare. Das erste besteht aus Clarisse und Mildred. Clarisse stellt die selbstbewusste, politisch nicht beeinflusste, sich nicht an die gedanklichen Vorschriften des Staates haltende Frau dar, whrend Mildred, Guy Montags Ehefrau, von der staatlichen Einflussnahme und der eigenen Gleichgltigkeit so weit beeinflusst wurde, dass ihr alles egal ist. Clarisse, die zusammen mit einer Selbstmrderin, die lieber mit ihren Bchern stirbt anstatt sie aufzugeben, Guy Montag erst den Ansto zum Nachdenken ber sein Leben und sein Tun gegeben hat, stirbt bei einem offensichtlich fingierten Autounfall, whrend Mildred am Ende des Buches in der Atombombe ihr Ende findet. Beide sind wichtig fr Guy Montag, da auch Mildred trotz ihrer Gleichgltigkeit ihren Einfluss auf Montag hat und sie ihn  freilich aus eigenem Interesse  vor der aus ihrer Sicht falschen Kritik am System bewahren will. 

Das zweite Gegensatzpaar besteht aus dem Feuerhauptmann Beatty und dem Auenseiter Faber. Beatty als Montags Vorgesetzter bei der Feuerwehr ist ein im Groen und Ganzen doktrintreuer, harter und zynischer Mensch, der allerdings durchaus belesen ist, was an der Stelle deutlich zu erkennen ist, als Beatty Montag in zynischer Weise auffordert, ihn mit dem Feuerwerfer umzubringen und Sheakespeare zitiert (S. 130). Faber ist die ltere, mnnliche Entsprechung von Clarisse. Auch er ist belesen und treibt Montag an, seine Haltung, die sich inzwischen gegen Staat gewandt hat, nicht mehr zu ndern. Er hilft Montag auch, als dieser nach der Zerstrung seines Besitzes und dem Mord an Beatty (s. o., S. 130) aus der Stadt fliehen muss. Faber kommt bei der Atombombenexplosion um. Beide knnen in gewisser Weise als Mentoren Montags gelten. Beattys Einfluss auf Montag nimmt in dem Mae ab, in dem der Einfluss Fabers auf ihn wchst. 

Zwei weitere Charaktere, nmlich die Freundinnen von Mildred Montag, Frau Bowles und Frau Phelps, sowie die Kollegen von Guy Montag, Stoneman und Black, stimmen jeweils vllig mit dem System berein. Die Darstellung dieser beiden systemkonformen Persnlichkeitsstrukturen durch jeweils zwei Personen macht die Austauschbarkeit dieser Charaktere deutlich. An Frau Bowles Beispiel wird auch wiederum die moralische Kritik Bradburys offensicht: Sie verachtet ihre Kinder, und schert sich nicht darum, dass es umgekehrt genauso ist: Die drei Tage im Monat, die sie zu Hause sind, lassen sich ertragen. ... man befrdert sie ins Fernsehzimmer und knipst an. ... Natrlich haben sie nicht viel fr mich brig, und ich erwidere ihre Gefhle herzlich.

Zusammenfassend lsst sich sagen, dass Bradbury ein zunchst dunkles Bild von der Zukunft zeichnet, das aber durch Personen wie Clarisse, Faber oder dem spteren Helfer Granger und die Wandlung Montags aufgehellt wird. Zwar endet das Leben fr die Menschen ist der Stadt mit dem Atombombenabwurf, Montag findet aber Anschluss an eine Gruppe ausgestoener und geflohener Denker, die unter der Fhrung eines Mannes namens Granger die Bchertexte im Kopf bewahren und die schlielich nach dem Ende der Stadt einen Neuaufbau der Gesellschaft mitbeginnen wollen. Der Vergleich zwischen der Stadt und Phnix aus der Asche, den Granger anstellt, macht diesen Neubeginn deutlich: Ebenso wie sich der Vogel Phnix durch Selbstverbrennung wieder auferstehen lsst, wollen die Ausgestoenen Stadt und Staat reformieren. (16) 
Bradburys Kritik lsst sich in zwei Hauptpunkte aufteilen, und zwar zum einen in die Kritik am technischen Fortschritt, der zu einer Mechanisierung des Menschen fhrt, zum anderen in die Kritik an der gesellschaftlichen Gleichgltigkeit, die  auch hier nehme ich das zu dieser Zeit sicherlich beherrschende Thema des Dritten Reiches, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust auf  auch in Deutschland besonders tragische Zge entwickelte. 
Willis E. McNelly spricht auerdem davon, dass Fahrenheit 451 die Geschichte von Bradbury, verkleidet als Feuerwehrmann Montag, und von seiner lebenslangen Liebesaffre mit Bchern (17) sei. Dies zeigt die Aufforderung von Bradbury zur Bewahrung der Kultur in Form von Bchern, die sich ohne Zweifel auch aus dem Roman folgern lsst. 

Dieser Roman ist der, welcher mir von den drei groen Romanen der gesellschaftskritischen Science-fiction, neben Fahrenheit 451 nmlich George Orwells 1984 (1949) und Aldous Huxleys Schne neue Welt (1932), am besten gefallen hat, obwohl er der wahrscheinlich unbekannteste ist, und zwar weil er den grten Realittsbezug und das grte Ma an Realismus hat. Huxleys wissenschaftlicher Ansatz und die Einteilung in Alpha- bis Epsilon-Menschen sieht zwar auch in gewisser Weise die nationalsozialistische Einteilung in Arier bis Untermenschen vorher, der Roman ist aber nach meinem Dafrhalten zu unrealistisch. Zugegeben, auch das Klonen kann auf Huxleys Brave New World bezogen werden, und ich persnlich bin der Meinung, dass die Menschen nichts nicht machen werden, was sie tun knnen. 
Ich weigere mich aber zu glauben, dass industriell herangezchtete so genannte Menschen ohne Eltern und ohne Liebe gesund aufwachsen knnen. 
hnlich unrealistisch finde ich den Roman 1984, der mehr vom politischen Ansatz ausgeht. Natrlich sind auch aus 1984 sptere Entwicklungen zu sehen: Die stetige Bespitzelung der Brger durch die Stasi der DDR kann hier sicherlich angefhrt werden. Dennoch hnge ich hier meine Ablehnung daran auf, dass alle Menschen von einer Sekunde auf die nchste den gerade eben noch Feind Gewesenen nun als Freund und den gerade eben noch Freund Gewesenen als Feind betrachten sollen. Dies liegt auerhalb meiner Vorstellungskraft und deswegen weigere ich mich auch hier, dies zu glauben, da ich eine solche Tuschbarkeit eines gesamten Volkes nicht fr mglich halte. 
Dem gegenber erscheint meiner Meinung nach in Fahrenheit 451 im Groen und Ganzen alles realistisch: Dass Bcherverbrennungen und Atombombenabwrfe mglich sind, wissen wir ebenso wie wir wissen, dass Schte und Medienwahn heut zu Tage an der Tagesordnung sind. Nur einen mechanischen Hund gibt es bis heute noch nicht in Serie  aber ob wir den angesichts von allgegenwrtigen Pitbull-Attacken noch brauchen, ist die Frage ... 